Dienstag, 3. März 2015

Ist Perfektionismus eine negative Eigenschaft?

Dies war mein erster Gedanke bei der heutigen Wollschaf-Frage:

Jede Masche in Reih’ und Glied oder einfach mal Fünfe gerade sein lassen – wie perfektionistisch bist Du bei Deinen Stricksachen?
Bist Du absolut penibel oder erlaubst Du Dir auch mal kleine Schlampigkeiten?


Zweiter Gedanke, gibts nur Schwarz oder Weiss?

Grundsätzlich hab ich recht hohe Ansprüche, nicht nur beim Stricken. So wie ich nähe, so stricke ich auch. Sprich die Teile müssen die richtige Schnittform haben, Nähte schön und gerade genäht sein. Fehler im Strickmuster werden korrigiert, wenns sein muss, lass ich dafür auch ein ganzes Teil wieder auf. Vor dem Zuschneiden kontrollier ich den Stoff ja auch auf Webfehler, damit ich die beim zuschneiden umschiffen kann.
Und so wie ich nähe, strick ich auch. Ich möchte gute Qualität, auch bei meinen Strickwerken.

Das heisst nun nicht, dass ich nicht auch da und dort mal trickse. Aber eben nur, wenn's wirklich nicht sichtbar ist. Vielleicht am besten mit dem Kochen vergleichbar: eine zu dünne Sauce mit einem Trick verdickt zu bekommen heisst kochen können. Eine angebrannte Sauce lässt sich nicht retten, die ist und bleibt misslungen, da hilft nur Neustart. Ungefähr so handhabe ich es mit meinen Handarbeiten. Schön reden nutzt nix, ein Fehler bleibt ein Fehler und verlangt Korrektur. Eine unschöne Naht wird aufgetrennt und neu genäht. Seh ich nicht als perfektionistisch an, sondern schlicht und einfach nötig für gute Qualität. Denn spätestens nach dem ersten Mal waschen zeigen sich die Mängel.

Viele können nicht verstehen, warum ich manchmal ganze Teile wieder aufribbel. Aber für mich zählt nun mal Qualität und nicht Quantität. Ich stricke unheimlich gern, aber das Ergebnis muss mir Freude machen, nicht die Menge an gestrickten Pullovern. Die schönen Strickstunden hab ich ja so oder so. Die Freude, wenns beim allfälligen Zweitanlauf dann zu stimmen kommt ist um ein vielfaches grösser. Die Bestätigung, dass es sich gelohnt hat gibt Befriedigung - es sich schön zu reden reduziert nur die Freude massiv und ist Selbsttäuschung.

Perfektion hat so einen negativen Touch bekommen. Warum? Einerseits wird erwartet, dass die Kaufwolle perfekt und fehlerlos ist, bei der eigenen Verarbeitung wird dann aber der Masstab viel tiefer angesetzt. Das geht für mich nicht auf. Bloss weil wir in einer schnelllebigen Zeit leben, heisst das noch lange nicht, dass alles schnell schnell fertig sein muss. Gute Qualität hat ihren Preis, was beim Handstricken ein mehr an Zeit und Geduld zu investieren müssen bedeuten kann.

Aber ich gebs zu, ich habe sehr hohe Ansprüche. Massen-Konfektion fällt bei mir zu 99% durch wegen der miserablen Verarbeitung. Ich hab Haute Couture gelernt und später in der Edel-Konfektion gearbeitet. Diese Qualität müssen meine Kleidungsstücke auch heute noch haben, meine Strickwerke gehören da dazu.

Wie handhabt ihr das?
Machen euch Strickteile mit Fehlern drin die gleich grosse Freude wie perfekt gelungene?
Stören euch Schummeleien oder gehören die für euch einfach dazu?

Kommentare:

  1. Ich denke, dass Perfektionismus oft damit verwechselt wird, dass man nie gut genug ist. Das es immer noch besser geht (gehen muss) - auch wenn man selbst nicht weiß wie. Perfektionismus selbst sehe ich nicht als etwas schlechtes oder negatives an - so kann man wachsen. Wenn man dabei fair bleibt ;)

    Knuddels nima

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  2. Du sprichst mir aus dem Herzen.Wenn ich schon zig Euro ausgebe für schönes Garn, dann muss das damit gestrickte Teil auch schön gestrickt sein. Aufribbeln ist bei mir nichts Ungewöhnliches, sogar bei Socken. Entweder es ist schön und passt, oder es war die Mühe nicht wert. Auch wenn dann halt mal die Wolle für was ganz anderes herhalten muss, als ursprünglich geplant :-)

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  3. Bin da auch so ein Perfektionist und stelle an meine eigenen Stück viiiel höhere Ansprüche als an Konfektionsware von der Stange. Es darf schonmal ... in Ausnahmen ein kleiner, nicht sichtbarer Fehler drinne bleiben ... aber so grundsätzlich ribble ich auch wieder weil ich sonst ständig auf diesen einen Fehler starre. Kein Mensch würde ihn wahrscheinlich sehn ... aber ich weiß es ... und das reicht völlig um ein Teil für ewig im Schrank versauern zu lassen.
    Grüßle Steffi

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  4. Mein Perfektionismus ist vielleicht nicht so ausgefeilt wie deiner, aber alles was ich mache, muss meinen Ansprüchen genügen und wenn es ok ist, bleibt etwas auch mit einem kleinen Schönheitsfehler. Den oft genug nur ich sehe und sonst niemand. Leider ist es auch so, dass mein Perfektionismus mich auch abbremst - aus Angst es nicht richtig hinzubekommen - fange ich bestimmte Projekte nicht an, obwohl mich das total interessiert. LG bjmonitas

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  5. Tja, fiese Frage ;-) Ich geb's zu, wenn ich einen Fehler erst recht spät entdecke, also schon ein gutes Stück weiter gekommen bin, dann ist der erste Reflex, ihn zu lassen, zu ignorieren und weiterzustricken, man ist ja gerade so schön im Schwung. Aber die Erfahrung sagt, die entdeckten Fehler gucken einen immer vorwurfsvoll an und verderben die Freude am Strickstück. Also lieber schweren Herzens ribbeln, das vergisst man schnell, wenn man sich dann über das gelungene fertige Werk freuen kann. Die Werke aus meiner "Ignorantenzeit" ribbel ich ja so nach und nach und wo es sich lohnt, mach ich etwas Neues draus. Daran kann ich mich doppelt freuen, weil der Frust des Vermurksten dann vergessen ist.
    Knuddele
    Regina

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  6. Also gefallen muss es mir am Ende schon ... ansonsten finde ich diesen Spruch auch schon mal ganz tröstlich:
    "Beim Fuschen zeigt sich der wahre Meister".

    lg
    Claudia

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